„Ein Intendant kann ein Flaschenhals sein“

Ein Gespräch mit Klaus Keil, dem Intendanten der Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH.

Ellen Wietstock: Hat sich Ihrer Meinung nach das Intendantenmodell im Gegensatz zum Gremienmodell bewährt?

Klaus Keil: Die Filmboard GmbH wurde im August 1994 gegründet, wir sind jetzt acht Jahre auf dem Markt. Damals haben Filmbranche und Politik Mut bewiesen, heute wäre so etwas vermutlich gar nicht mehr möglich. Das British Council hat übrigens unser Modell für Großbritannien übernommen. Die Filmboard ist im Gegensatz zum anonymen Gremienmodell personifiziert, man kann den Intendanten persönlich zur Verantwortung ziehen.

Ich glaube, daß Entscheidungen in der Filmförderung wie im Theater nicht wirklich basisdemokratisch funktionieren können, weil ein Gremium immer nur den kleinsten gemeinsamen Nenner fördern kann. Extreme Filme fallen bei den Gremien häufig unten durch. Ich habe selbst lange Zeit in der Kommission der Bayerischen Filmförderung und des BMI gesessen. Natürlich wird dort auch diskutiert, aber im Laufe eines oder anderthalb Tagen können die Projekte in der Diskussion immer nur an der Oberfläche angerissen werden, dann wird per Handzeichen abestimmt. Wir dagegen sind einfach näher an unseren Kunden dran, wir wissen recht genau, was die Produzenten in der Pipeline haben. Wir führen Beratungsgespräche, bevor überhaupt der Antrag gestellt wird. Deswegen müssen wir auf der Höhe der Zeit sein, die Filme kennen, den deut- schen und europäischen Markt, Ideen, Trends, Tendenzen beobachten. Das alles können Gremienmitglieder im Detail nicht so genau wissen wie wir. Unser Vorsprung gegenüber den Fördergremien beruht auch auf spezifischem Sach- und Fachwissen.

Ellen Wietstock: Können Sie Beispiele für brisante Projekte nennen, die die Filmboard GmbH gefördert hat?

Klaus Keil: Wenn Sie ein Drehbuch lesen, dessen erste zehn Seiten aus dem Monolog einer Frau bestehen, die Kette raucht und sich umbringen will, das Ganze in schwarzweiß, und am Ende bringt sie sich tatsächlich um, dann sind Entscheidungen ziemlich problematisch. Wenn Sie aber den Autor, sein Werk und seine berufliche Herkunft genauer kennen, so wie in diesem Fall, dann wird es wieder einfacher: Die Unberührbare von Oskar Roehler. Er war für mich in erster Linie ein spannender Autor, aber nachdem ich sein Regiedebüt Silvester Countdown gesehen hatte, war auch klar, daß er über eine spezielle Handschrift in der Regie verfügt und mit großer Genauigkeit erzählen kann.

Ellen Wietstock: Begründen Sie Ablehnungen?

Klaus Keil: Ja. Ob eine Intendanz akzeptiert wird – und zwar unabhängig von meiner Person –, hängt von der Qualität der Argumente ab, mit der Ablehnungen begründet werden, ob sie überzeugen, ob sie stimmen. Wenn Gesprächsbedarf von seiten der Antragsteller besteht, kommen unsere Kunden in unser Büro. Ressentiments, negative Stimmungen muß ich auffangen und nicht meine Mitarbeiter. Dafür habe ich auf der anderen Seite große Gestaltungsfreiheiten als Intendant.

Ellen Wietstock: Was spricht Ihrer Meinung nach gegen das Intendantenmodell?

Klaus Keil: Ein Intendant kann ein Flaschenhals sein. So war es bei der Die Filmboard GmbH anfangs auch, alle wollten nur mit mir reden. Diese anfänglichen Kommunikationsprobleme haben wir rasch abbauen können. Im übrigen finden unsere Entscheidungsprozesse im Team statt, unter anderem haben wir ja externe Lektoren.

Ellen Wietstock: Inwieweit entscheiden bei der Filmboard GmbH Lektoren über das Wohl und Wehe eines Projekts?

Klaus Keil: Gar nicht. Es sind nur Entscheidungshilfen. Wir wollen diese externen Gutach- ten, um nicht „inzüchtig“ zu werden. Und (externe) Lektorate sind internatio- nal üblich.

Ellen Wietstock: Sie erwähnen in Ihrem Jahresbilanzbericht neue Kapitalisierungsmaßnahmen für junge Kreative? Das klingt gut, aber was ist mit den Firmen, die schon lange in Berlin ansässig sind? Und worin werden diese Maßnahmen bestehen?

Klaus Keil: Wir streben auf der einen Seite eine Bestandssicherung der etablierten Produzenten an – alles andere wäre kurzsichtig, Andererseits ist der Run auf die Hauptstadt ungebrochen. Wir haben im ersten Halbjahr dieses Jahres 58 % mehr Förderanträge gehabt und 70 % mehr Anfragen. Die Gleichung jung = kreativ geht nicht immer auf. Wir versuchen stets, die Großen und die Etablierten einzubinden, indem sie zum Beispiel als Paten für junge Produzenten fungieren oder als Referenten in Businessplanseminaren.

Bei den Kapitalisierungsmaßnahmen handelt es sich um Möglichkeiten alternativer Finanzierung, die vor allem für große Firmen, internationale Koproduktionen und große Animationsprojekte gedacht sind. Die Investitionsbank Brandenburg hat schon vor einigen Jahren einen mutigen Schritt getan und Darlehen mit besonderen Konditionen für Film- und Fernsehschaffende eingeführt, sogenannte partiarische Darlehen. Bei dieser Finanzierungsform nimmt die Bank sowohl am Risiko als auch am Gewinn teil. Ziel dieser Unternehmungen ist es, die Kreditlinien der Produzenten durch Landesbürgschaften zu sichern. Das Land Brandenburg hat gerade auch ein neues Bürgschaftsmodell für Studio Babelsberg aufgelegt, das eine Risikobeteiligung in Höhe von 20% vorsieht. Den „Basel-II-Schreck“ für die unabhängigen Produzenten abzufedern – was besonders notwendig wird – , ist filmpolitisch schwer durchzusetzen, aber auch daran arbeiten wir. Auch das Land Berlin ist bzgl. alternativer Finanzierung ziemlich aktiv: Es gibt den BAF, den Berlin Animation Fonds für abendfüllende Animationsfilme, oder eine Produzenten-Bürgschaftsfinanzierung.

Ellen Wietstock: Sie wollen künftig Auszeichnungen und Festivaleinsätze „geldwert“ belohnen. Was heißt das?

Klaus Keil: Wir definieren den Erfolg eines Films in zweierlei Hinsicht – zum einen durch die Besucherzahlen an der Kinokasse, zum anderen durch Preise, zum Beispiel den Deutschen Filmpreis oder gar Oscar-Nominierungen, ferner Prädikate oder Festivaleinladungen. Das ist eine längst überfällige Bewertung meiner Auffas- sung nach. Gedacht ist an ein differenziertes Punktesystem, basierend auf drei Bereiche Preise, Festivaleinladungen, Zuschauerzahlen. Dann wird es einen Sonderbonus geben für Nachwuchsprojekte, Dokumentar-, Kurz- und Kinder- filme. Denkbar wäre eine Einteilung der Festivals bzw. Preise in A-, B- und C- Kategorien; zur ersten Kategorie könnte zählen beispielsweise eine Einladung zum Sundance-Festival oder eine Goldene Leinwand. Zur zweiten Kategorie gehört das Prädikat Besonders wertvoll, der Europäische Filmpreis, der Baye- rische Filmpreis, in Cannes die Quinzaine, San Sebastian, Karlovy Vary, Singapur, Bilbao, Rotterdam, die Hofer Filmtage, Annecy, Locarno, Banff, Chicago, Montréal, Göteborg, Saarbrücken, Oberhausen, Filmfest München, Leipzig sowie die TV-Events Grimme-Preis und Rose von Montreux. In die dritte Kategorie fallen Nachwuchs-, Kinder- und Kurzfilmfestivals wie Gera, Cottbus, die Nordischen Filmtage Lübeck, Chicago, Kiev, das Kurzfilmfestival Hamburg, das Kinofest Lünen, der Lubitsch-Preis oder der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Preis.

Ellen Wietstock: Gibt es zusätzliche Fördermittel für diese kriterienbezogene Referenzfilmförderung?

Klaus Keil: Der Berliner Senat hat im Juni eine Erhöhung der Filmfördermittel um 2,5 Millionen Euro beschlossen, die aber nur zum Tragen kommt, wenn das Land Brandenburg auch mitgeht und die gleiche Erhöhung beschließt. Dann würde sich die Filmboard GmbH endlich an das ursprünglich angestrebte Fördervo- lumen von 40 Millionen Mark, also rund 20 Millionen Euro, annähern. Aber unabhängig davon, ob diese Erhöhung politisch durchsetzbar ist, machen wir schon lange eine interne Erfolgskontrolle, um zu überprüfen, wie gut unsere Einschätzungen der Projekte in bezug auf die Verwertungschancen auf den In- und Auslandsmärkten sind. Wir geben Voten ab in bezug auf Preise, Besucher und Festivaleinladungen. Ich gebe zu – ich bin ja kein Förderer gewesen -, daß meine Einschätzungen am Anfang nicht so ganz gut waren. Mittlerweile ist die Trefferquote bedeutend höher, eben weil wir uns selbst so trainiert haben und so nahe am Markt sind. Die von der Filmboard GmbH geförderten Projekte erhielten bislang weit über 700 Preise und hatten ungefähr 30 Millionen Zuschauer.

Ellen Wietstock: Es gibt unter Berliner Produzenten auch kritische Stimmen, die vor allem den Umgang mit der Filmboard GmbH bzw. den Mitarbeitern im Vorfeld der Antragstellung als schwierig und unproduktiv beschreiben. Wie stehen Sie dazu?

Klaus Keil: Was heißt in diesem Zusammenhang unproduktiv? Es lagen im 1. und 2. Quartal viele Projekte bei uns wegen des nicht verabschiedeten Haushalts. Wir halten aber den Kontakt zu den Produzenten, auch wenn es aufgrund der Haushaltslage in dieser Zeit keine Entscheidungen gab. Ich bemühe mich, Gespräche mit den Antragstellern selbst zu führen, aber wenn ich nicht kann, kümmern sich die Förderreferenten um eine zeitnahe Bearbeitung der Anfragen und Anträge. Es ist z.B. richtig, daß sich die Dokumentarfilmer, die ja in Berlin und Brandenburg traditionell ein reichhaltiges Biotop darstellen, eine Zeitlang unterrepräsentiert und sich nicht genügend wahrgenommen fühlten. Nun hat sich meiner Meinung nach im Dokumentarfilmbereich einiges geändert, denn die Konkurrenz auf dem Kinomarkt erfordert eine andere Haltung der Regisseure. Während früher Dokumentarfilme nur als 35mm-Filmkopie vorstellbar waren mit einer programmfüllenden Länge von 90 Minuten und eine Projekt- beschreibung von nur fünf und acht Seiten für ausreichend erachtet wurde, setzt sich langsam eine andere Einstellung durch. Nicht zuletzt aufgrund unse- rer Erwartungen, denn wir verlangen ein Drehbuch, ein Schnitt- und Tonkonzept, und unter Umständen auch eine Abkehr von der klassischen Kinolänge. Es hat sich gezeigt, daß zum Beispiel Dokumentarfilme modulweise an das ausländische Fernsehen verkauft werden können. Mit Hilfe der von uns ins Leben gerufenen Seminarreihe ‚Tage des Dokumentarfilms‘ haben wir all diese Fragen behandeln können; der Zuspruch war groß; allein im ersten Jahr gab es jedes Mal über 120 zahlende Teilnehmer.

Ellen Wietstock: Was halten Sie von der Initiative für eine künstlerische/kulturelle Filmförderung? Beabsichtigen Sie, einen solchen Fördertopf beim Filmboard zu installieren?

Klaus Keil: Wir haben den Appell dieser Gruppe analysiert und uns gefragt: Wer sind diese Leute und was sind ihre Ziele? Was diese Initiative anstrebt, ist meiner Meinung nach ein Rückschritt. Man kann keine Sonderkommission für einen kulturellen Förderfonds einrichten und Quoten festlegen, das ist nicht auf der Höhe der Zeit. 10% unseres Fördervolumens möchte die Gruppe für künstlerische Projekte reservieren, aber ich halte nichts von Kontingentierung. Im übrigen ist der in der Erklärung der Initiative enthaltene Vorwurf, die Filmboard GmbH würde nur kommerzielle Filme fördern, unsinnig. Ich habe mit zwölf Delegierten der Initiative gesprochen, und alles, was die Gruppe fordert – bis auf die Postproduktion – machen wir bereits. Im Grunde weist dieser Aufruf auf ein Generationsproblem hin, das auch in anderen Kunstbereichen existiert. 80% der Unterzeichner sind über 50 Jahre. Für Projekte mit überzeugendem Verwertungskonzept – und nur dar- auf kommt es neben dem Inhalt an – habe ich stets ein offenes Ohr.

Ellen Wietstock: Ihr Vertrag läuft Ende 2004 aus, das heißt, Ende 2003 wird über eine Verlän- gerung entschieden. Werden Sie weiter machen?

Klaus Keil: Das ist noch weit bis dahin. Momentan ist Filmförderung noch immer meine Herzensangelegenheit.

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