Noch einmal davongekommen? – Die Förderqueen des Nordens auf freiem Fuß

Filmpolitischer Informationsdienst Nr. 230, Dezember 2012/Januar 2013

Von Ellen Wietstock

Der Verband der Drehbuchautoren (VDD) kommentiert das Urteil im Fall Doris Heinze: „Die Aufmerksamkeit, die der Prozess
und der Urteilsspruch über Doris Heinze und ihren Ehemann sowie einer Produzentin in der vergangenen Woche erregt hat, spiegelt die Relevanz, die diese Vorgänge über eine Fachöffentlichkeit hinaus haben. Die FAZ schrieb nun am 16.10.2012: „Oberstaatsanwältin Cornelia Gädigk hat Revision gegen das Urteil der Landgerichts Hamburg eingelegt. … Nun muss der BGH prüfen, ob das Urteil ordnungsgemäß zustande gekommen ist.”

Schon 2009 hat sich der VDD zu den frisch enthüllten Machenschaften von Doris Heinze geäußert und auf das dahinter liegende Strukturproblem der öffentlich-rechtlichen Sender aufmerksam gemacht: Ein stark hierarchisiertes System, zu wenig kontrolliert und von einigen wenigen Entscheidungsträgern beherrscht.

Das aktuelle Urteil kommentiert der VDD-Vorstand wie folgt:
Es ist unverständlich, wie das Gericht der Vorstellung folgen konnte, Doris Heinze hätte gar keine andere Wahl gehabt, als
selbst Drehbücher zu schreiben, schließlich ginge es um nicht weniger, als die Rettung des Fernsehens. Doch unabhängig von der Qualität der Drehbücher Heinzes hat das Gericht über Betrug an Sender und Gebührenzahler zu entscheiden. Die Richter ließen jedoch Argumente über das Niveau ihrer Schreibarbeit in ihre Urteilsfindung einfließen und ignorierten das dahinterliegende System, wodurch ein solcher Missbrauch überhaupt möglich wurde, gänzlich. Eine Redakteurin vermittelt zwischen Programm und Autoren. Die personelle Trennung garantiert eine Reibung, welche die Qualität des Produktes im Sinne des Gebührenzahlers hoch hält. Wenn Entscheider und Kreateur in einer Person vereinigt sind, fehlt ein wichtiges Rückkopplungselement.

Es ist mehr als bedenklich, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Umbau der Programmphilosophie eingeleitet wurde, der eine Verengung der möglichen Inhalte zu einem vereinheitlichten, schnell wiedererkennbaren und vor allem der Quote verpflichteten Erzählmuster zur Folge hatte und aus einem ehedem vielstimmigen, zuweilen sperrigen Chor ein nahezu unkontrolliertes Programmdiktat Einzelner entstehen konnte. Das entspricht nicht dem Grundgedanken eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Aufteilung in verschiedene Länderanstalten, die personelle Trennung von Programmstruktur, Programmentwicklung und Programmerstellung war ausdrücklich gewollt, um Vielfalt zu garantieren.

Der Fall Doris Heinze hat nun gezeigt, dass der Umbau der ARD eine auf wenige Richtung weisende Personen verdichtete
Entscheidungspyramide hervorgebracht hat, die einen solchen Machtmissbrauch erst möglich macht. Das Gericht hat mit dem Urteil eine Chance verpasst, diese Missbrauch fördernde Struktur zu benennen. Es schwächt damit die Bemühungen der Kräfte in den Sendern, die für eine Meinungsvielfalt und gegen die Machtballung bei Einzelnen ankämpfen. Wir sind froh, dass hier und da begonnen wurde, die Programm-Entscheidungen wieder auf mehrere Schultern zu verteilen und somit auch Konsequenzen aus der Vergangenheit zu ziehen. Eine grundsätzliche Veränderung der zunehmend zentralistischen Machtstrukturen innerhalb der ARD und ihrer angeschlossenen Unternehmen zugunsten der alten Vielfalt ist dringend geboten. Der Zuschauer, der Gebührenzahler hat einen Anspruch auf mutige und vielfältige Programme. Dazu braucht es viele AutorInnen. Nur möglichst viele verschiedene selbstbewusste Redakteure, denen man eine Programmkompetenz einräumt, können hervorragendes, spannendes und kontroverses Programm gestalten, wie es der Rundfunkstaatsvertrag fordert.

Und noch etwas: Trotz der Causa Heinze oder der Betrugsfälle bei KiKa und MDR lässt die Transparenz der öffentlich-rechtlichen Anstalten (ARD wie ZDF) weiterhin zu wünschen übrig. Der VDD – wie andere Verbände – fordern seit langem, dass die öffentlich-rechtlichen Sender alle erteilten Aufträge und Vertragspartner jährlich offen legen. Das Urteil und die kommende Gebührenreform wären ein guter Anlass, die Transparenz zu erhöhen. Zusammen mit einem zwingenden “Mehr-augenprinzip” bei allen Entscheidungen wäre das der beste Schutz gegen Betrug à la Heinze.“

Veröffentlicht unter Allgemein
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