Brasilien – ein Filmland mit Perspektive. Brasiliens Filmbranche boomt und setzt verstärkt auf Koproduktionen, auch mit Deutschland.

Filmpolitischer Informationsdienst Nr. 232, März 2013
Von Reinhard Kleber

Brasilien ist en vogue: Die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde beeindruckt seit Jahren mit kräftigem Wachstum, 2010 lag es bei 7,5 Prozent. Nun zeigt das erstarkte Schwellenland auch international Flagge. 2014 beherbergt Brasilien die Fußball-WM und 2016 die Olympischen Spiele. 2013 finden dort der Fußball-Confed-Cup und der katholische Weltjugendtag statt, zudem ist Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse und feiert zu Hause das Deutschlandjahr. Da auch die brasilianische Film- und Medienbranche boomt, bietet sich eine verstärkte Zusammenarbeit beiden Ländern auch im Filmsektor an.

Das wurde auch auf dem FilmCup 2012, dem ersten Koproduktionstreffen beider Länder, deutlich, der im Oktober 2012 in Sao Paulo während des dortigen Filmfestivals stattfand. Etwa 100 Produzenten, Regisseure, Autoren, Verleiher, TV-Redakteure, Sales Agents und Filmförderer pitchten dort Projekte, diskutierten Möglichkeiten der Kooperation und tauschten Erfahrungen aus. Die Ausgangslage ist günstig, da die Film- und TV-Branche sich zunehmend für den Weltmarkt öffnet, nachdem sie bisher in erster Linie für den eigenen großen Markt mit 192 Millionen Ein¬wohnern produziert hat. Die Regierung fördert die Filmbranche gezielt und erhöht substanziell das Budget der Agencia Nacional do Cinema (Ancine), die für Registrierung, Regulierung und Filmförderung zuständig ist. Mit Eduardo Valente, Head of International Affairs bei Ancine, sprach Reinhard Kleber über die einheimische Filmblüte.

black box:
Wie unterstützt Ancine die boomende Filmindustrie?

Eduardo Valente:
Der Audiovisual Sectorial Fund, der größte nationale Fördertopf, wächst von umgerechnet etwa 200 Millionen Dollar in diesem Jahr auf rund 400 Millionen Dollar im nächsten Jahr. Das Wachstum resultiert großenteils aus neuen Abgaben, die 2011 im Bereich der Mobiltelefone und Kabelfernsehen eingeführt wurden. Vorher sind in erster Linie Abgaben der DVD-Anbieter und Kinobetreiber in den Topf geflossen. Für jeden Mobilfunkchip zahlte der Kunde drei Rais, die kommen nun aber anders als bisher der Filmförderung zugute. Und da wir rund 220 Mobilfunkanschlüsse haben, ergibt sich eine beachtliche Summe.

black box:
Kommen diese Gelder nur der Filmbranche zugute oder auch der TV- und Multimedia-Branche?

Eduardo Valente:
Wir arbeiten bisher mit vier Förderlinien: einer Grundförderung für Filmproduktion, einem Fund für Filmdistribution, einen für unabhängige TV-Produktionen und einem vierten für Filmproduktion, der aber nicht an Produzenten geht, sondern an die Verleiher. Für Anfang 2013 bereiten wir neue Förderinstrumente vor, darunter solche für Projektentwicklung und regionale Förderlinien.

black box:
Was sieht das Mediengesetz bezüglich des Kabelfernsehens vor?

Eduardo Valente:
Das Gesetz schafft die erste Regulierung dieses Marktsegments, was schon seit längerem überfällig war. Der Gesetzgeber hat die Gelegenheit genutzt, um nach dem Beispiel Kanadas und europäischer Länder Quoten für nationale Produktionen einführen. Es ist mit etwas Verspätung im September in Kraft getreten. Aber seit es vor gut einem Jahr beschlossen wurde, hat sich die Szene komplett verändert. Es hat erstmals die Idee eines Markts für Produzenten geschaffen, die nun lernen, wie sie mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen können, die sie vorher nicht hatten. Und die Kabelsender müssen umdenken: Sie können nicht mehr einfach vorhandene internationale Programmware einkaufen, sondern müssen zu den Produzenten gehen und mit ihnen gemeinsam Formate entwickeln, die zu ihren Programmen passen.

black box: Wie sieht diese Quotenregelung aus?

Eduardo Valente:
Es sieht vor, dass die Kabelkanäle nach einer Übergangszeit von drei Jahren am Ende in der Primetime pro Woche 3,5 Programmstunden aus inländischer Produktion senden müssen. Die Primetime legt Ancine dabei im Einzelfall fest, bei einem Kindersender liegt sie anders als bei einem Spielfilmsender.

black box:
Wie viele Filme fördert Ancine im Jahr?

Eduardo Valente: Wir unterstützen derzeit etwa 100 Filmprojekte und 30 bis 40 TV-Projekte im Jahr. Mit den wachsenden
Einnahmen wird aber die Zahl der Förderzusagen künftig steigen. Ancine verfügt zudem über weitere Förderinstrumente. Dazu gehört ein Preis für den umsatzstärksten Kinofilm, wobei das Geld in die Entwicklung neuer Filmprojekte investiert werden muss. Nach dem gleichen Muster funktioniert ein Anreizprogramm für Qualitätsfilme, hier können die Produzenten mit internationalen Festivalpreisen und -teilnahmen Punkte sammeln. Die sechs Bestplazierten werden mit Preisgeldern belohnt.

black box:
Braucht Brasilien internationale Koproduktionen oder ist der nationale Markt groß genug?

Eduardo Valente:
Große kommerzielle Filme wie Komödien lassen sich problemlos zu Hause finanzieren, sie kommen auch kaum über die Landesgrenzen hinaus. Anders sieht es bei Arthouse-Filmen aus, für sie ist der internationale Markt viel wichtiger. Daher sind diese Produzenten auch meist für internationale Koproduktionen aufgeschlossen. Generell ist in unserer Filmbranche die Einsicht angekommen, dass wir die Fähigkeit entwickeln müssen, unsere Produkte auf Reisen zu schicken und Zuschauer in anderen Ländern dafür zu interessieren, und das nicht nur aus ökonomischen Gründen. Denn solche Kooperationen öffnen praktisch auch die Türen für ausländische Märkte.

black box:
Das im Jahr 2008 erneuerte Koproduktionsabkommen zwischen Brasilien und Deutschland hat große Erwartungen geweckt, wurde aber bisher wenig genutzt. Warum?

Eduardo Valente:
Wenn es nur eine Handvoll Koproduktionen waren, ist das schon optimistisch formuliert. In dieser Hinsicht lag es für Brasilien aus sprachlichen und kulturellen Gründen immer am nächsten, mit Portugal zu koproduzieren. In jüngster Zeit arbeiten wir besonders mit Argentinien zusammen, vermehrt auch mit spanischsprachigen Ländern wie Mexiko, Chile und Uruguay. Bis vor einigen Jahren war es für unsere Produzenten nicht üblich, nach Cannes oder Berlin zu reisen, um Partner zu finden, die Entfernung war zu groß, die Interessen zu unterschiedlich. Doch das ändert sich. Neuerdings fahren sie in größeren Gruppen zu diesen Treffpunkten, sie sammeln Erfahrungen und sie können darauf verweisen, dass Koproduktionen heute in einem bedeutenden Umfang in Brasilien finanziert werden können. Was das Abkommen mit Deutschland angeht: Es reicht nicht, dass sich die Regierungen treffen und einen Vertrag unterschreiben, er muss mit Leben erfüllt werden, die Menschen müssen sich begegnen. Erste gemeinsame Projekte nehmen ja jetzt auch Gestalt an. Events wie der Film Cup helfen dabei. Ich erwarte, dass die Zahl der Koproduktionen spürbar steigen wird.

black box: Halten Sie einen baldigen Film Cup 2 für sinnvoll?

Eduardo Valente:
Ja. Dieser Film Cup war ein wichtiger Schritt voran. Er sollte aber nicht jedes Jahr stattfinden, so viel gibt es nicht zu besprechen. Ein Treffen alle zwei oder drei Jahre scheint mir produktiver. Für uns Förderer bringt das den Vorteil, dass wir sehen können, wie viele der geförderten Projekte zustande kommen, denn natürlich reifen nicht alle Kooperationen bis zum fertigen Werk. Aber wenn fünf deutsch-brasilianische Filme fertig werden, ist das schon weit mehr als in den vergangenen zehn Jahren. Solche bilateralen Produzententreffen sind wahrscheinlich auch effektiver als multilaterale Meetings bei Großfestivals wie Berlin oder Cannes, wo man sich im Trubel schnell aus den Augen verliert.

Veröffentlicht unter Allgemein
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