Nur Mut – Die Verleihung des Deutschen Filmpreises 2015

Von Ellen Wietstock

Nur Mut

Wer hätte das gedacht? Dass von einer Filmpreis-Verleihung mal wieder ein neuer Geist ausgeht, der Hoffnung macht auf einen Aufbruch im deutschen Kino. Im Gegensatz zu den Vorjahren war es showtechnisch eine gelungene Gala mit brillanten Einlagen von Jan Josef Liefers, und Michael Gwisdeks Auftritt als Laudator hatte einfach Weltklasse. Einmal von der Leine gelassen, zeigte Gwisdek seine unnachahmlichen Qualitäten als Schauspieler – warum schreibt ihm eigentlich kein Drehbuchautor eine Paraderolle fürs Kino?

Wie in jedem Jahr, entfielen auch diesmal zu viele Auszeichnungen auf einen einzigen Film. Sechs Preise für Victoria in den Kategorien bester Film, Regie, Bildgestaltung, männliche und weibliche Hauptrolle sowie Filmmusik sind einfach zu viel des Guten. Das hat Regisseur und Produzent Sebastian Schipper offenbar auch gespürt – er widmete seine Auszeichnung für die beste Regie den beiden nominierten Kollegen Dominik Graf und Edward Berger und all den anderen im Saal – eine schöne und souveräne Geste, die ein wenig, aber nur ein wenig, die Beliebigkeit und Zufälligkeit der Entscheidungen zurechtrückte. Denn der wirklich große Wurf des Jahrgangs 2014 war Dominik Grafs Film Die geliebten Schwestern, der zwar mit einer Lola für Kostüm und Maskenbild geehrt wurde, aber in den Hauptkategorien wie Drehbuch und bester Film noch nicht einmal nominiert war.

Zu den Halbherzigkeiten des Komplexes Deutscher Filmpreis gehört die undotierte Lola für den besucherstärksten Film, ein Zugeständnis an die Fernsehzuschauer, damit im Rahmen der Gala auch bekannte Stars des deutschen Films auftauchen. In diesem Jahr also nun Til Schweiger, der aus den Händen seines Freundes und Kollegen Jan Josef Liefers die Auszeichnung mit einer Mischung aus Rührung und Verletztheit entgegen nahm, es sich aber nicht verkneifen konnte, einen Seitenhieb in Richtung Kulturstaatsministerin Monika Grütters auszuteilen, indem er sie mit Politikern wie Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß verglich. Och nö, die Schippe hätte er besser im Sandkasten gelassen. Aber filigraner Humor ist Schweigers Sache nicht. Er möchte gelobt werden, und das tat dann auch Iris Berben, Präsidentin der Deutschen Filmakademie, in ihren zahlreichen Medienauftritten rund um die Filmpreis-Gala. Til Schweiger schaffe mit seinen Filmen Arbeitsplätze, und die seien schließlich wichtig für die Branche. Kunststück, möchte man da antworten, schließlich erhalten Schweiger bzw. seine Produktionsfirma und die Verleihfirma Warner Bros. jede Menge Kohle. Allein für Honig im Kopf wurden insgesamt 3,275 Mio. € an Produktionsförderung bewilligt (davon über eine Million € als Zuschuss vom DFFF) sowie 510.000 € Verleihförderung. Damit kann man schon Leute anstellen. Ob diese Fördersummen tatsächlich in voller Höhe an die Geld¬geber zurückfließen, wie gerne behauptet wird, darüber decken die Förderer gern den Mantel des Schweigens.

In allen Ansprachen, die rund um die Verleihung des Deutschen Filmpreises gehalten wurden, war von mehr Mut, von Experimente wagen die Rede. Schön zu hören, aber wie kommt der Mut, den wir bei den Kreativen als vorhanden voraussetzen, und das Talent, das ohne Frage im deutschen Kino existiert, zum Fördergeld? Alle wollen endlich einen wettbewerbsfähigen deutschen Film für Cannes – die Regisseure, die Produzenten, die Förderer, die Politiker, die Filmkritiker. Aber warum spielt Deutschland seit den seligen Zeiten des deutschen Autorenfilms der 1970er- und 1980er-Jahre im Weltkino kaum noch eine Rolle? Eine Erklärung könnte lauten: Solange wie der größte Teil der Filmförderung in Sequels und belanglose Komödien fließt, solange wie Standorteffekte eine größere Rolle spielen als die Originalität eines Projekts, solange wie Fernsehprojekte höhere Fördersummen erhalten als Kinofilmprojekte, solange wie Regietalente so schnell von der Bildfläche verschwinden, dass sich selbst Insider kaum noch die Namen merken können – solange wird sich auch im deutschen Film nichts ändern. Aber machbar ist es, es muss nur gewollt sein.

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