Was kommt nach den Glückskeksen und dem Stöckelschuh?

Was kommt nach den Glückskeksen und dem Stöckelschuh?

Filme von Frauen, Frauen auf Festivals mit und ohne Stöckelschuh – jede(r) erwähnt es, alle schreiben drüber. Aber wie könnte echte Emanzipation aussehen?, Heike-Melba Fendel, Filmkritikerin und Unternehmerin, bezeichnet sich selbst als Feministin und ist doch gegen eine Quote. Wir wollten wissen, warum und wieso.

Ellen Wietstock:
Warum brauchen die Regisseurinnen keine Quote?

Heike-Melba Fendel:
Weil es elegantere, eigenwilligere, effizientere und dem Wesen dieses Berufes deutlich näher stehende Methoden und Maßnahmen gibt, um die Frau zum Film zu bringen. Auf die einstigen Aktivitäten und Forderungen der „Filmarbeiterinnen“ der siebziger Jahre folgten Jahrzehnte vertaner Chancen und verschlafener Entwicklungen seitens vieler Filmemacherinnen. Connie Walther zum Beispiel hat bei einer Diskussion der Kölner Hochschule für Medien plausibel vermittelt, wie sehr der Regieberuf immanent vom Einzelkämpfertum geprägt ist und kaum jemand Gelegenheit findet, weiter reichenden Fragen nachzugehen. Da ist Aufwachen und ein neuerliches Problembewusstsein entwickeln erst einmal eine prima Sache. Die Frage ist bloß, ob man reflexhaft und reflektionsfrei zur Quotenkeule greifen muss, die das Anliegenkind im Bade erschlägt. Filmemachen ist etwas anderes als ein DAX-Unternehmen zu führen oder in einer Zeitungsredaktion zu arbeiten. Die Regisseurinnen haben sich zu sehr auf normiertes Coaching von Frauen eingelassen, die wenig bis keine Ahnung von diesem sehr eigengesetzlichen Medium haben.

Ich betrachte das Thema natürlich aus der Position der Unternehmerin, die ich seit 20 Jahren bin. Also als jemand, die für Probleme, mit denen sie konfrontiert wird, individuelle Lösungen finden muss. Ich verstehe den Regieberuf als ein Metier, in dem es eben genau darum auch geht. Also selbstständig und selbstbewusst und intelligent Veränderung zu ermöglichen und zu gestalten.

In Deutschland entscheiden, wenn man es sehr großzügig berechnet, knapp100 Leute darüber, wer Regie führen darf. Die gilt es zu überzeugen, mehr Frauen auf ihren Schirm zu lassen und zu berück¬sichtigen, was die Regievergabe betrifft. Dafür braucht man nicht dieses Riesenrad anzuwerfen, wissenschaftliche Erhebungen und Studien zu erstellen, zum Teil recht dubiose Testimonials verpflichten, Politiker und Medien aktivieren und ein riesiges PR-Feuerwerk abzufackeln. Mit derselben Mechanik wird auf bedrohte Tierarten und Darmkrebsvorsorge hingewiesen. Das ist Charity Campaigning. Vor der offiziellen Gründung der Pro Quote Regie-Initiative hätten sich die Regisseurinnen aus meiner Sicht konkreter überlegen können, was sie genau wollen und welche Handlungs-Optionen sie jenseits der Quote haben oder entwickeln können. Ich glaube, man wäre sehr erstaunt gewesen, festzustellen, wie wenig es braucht, um sehr schnell anhand von konkreten Projekten zu konkreten Ergebnissen zu kommen.

Ellen Wietstock:
Daran glaubst Du tatsächlich?

Heike-Melba Fendel:
Ja, auf jeden Fall. Ein Beispiel aus meiner Welt: In meiner Firma arbeiten hauptsächlich Frauen. In den Bereichen PR und als Künstler-Management bewegen wir uns in einem sehr frauendominierten Milieu, da arbeiten wir ungestört. Unser drittes Geschäftsfeld, der Veranstaltungsbereich – der im Übrigen mit Abstand umsatzstärkste -, ist männerdominiert. Natürlich erfahre ich dort, gerade bei lukrativen Projekten, jedweden Widerstand nach dem Motto, na ja, die Mädels sind sicher total kreativ…. Aber ich würde mich nie hinsetzen und eine Quote für Kulturveranstaltungsproduktionen für weiblich geführte Eventagenturen verlangen. Meine Antwort auf despektierliche Anwürfe lautet: Klar sind wir kreativ, aber wir können auch kalkulieren und haben bessere Ideen als die zehn Jungs, die hier gerade vor uns präsentiert haben. Die allerdings sollte man dann auch liefern.

Ellen Wietstock:
Um bessere oder schlechtere Ideen, Projekte oder Drehbücher geht es bekanntlich bei der Filmförderung nicht. Ich beobachte seit Jahrzehnten, dass Projekte von Regisseurinnen fast immer am Schluss der Förderentscheidungslisten auftauchen, und zwar bis auf wenige Ausnahmen mit kleinen Summen.

Heike-Melba Fendel:
Nun, die Summen beantragen die Frauen ja selbst. Und dass sie von vorneherein weniger aufrufen, ist keinem Komplott zuzuschreiben. Mir wird auch zu wenig ergründet, warum Frauen sich immer noch häufig klein machen. Warum sie vielfach Anfragen für öffentliche Diskussionen oder Vorträge ablehnen, knallhartem Verhandeln in eigener Sache ausweichen und kaum neue Geschäftsfelder und Formate entwickeln oder besetzen. Das sind ja auch tägliche Realitäten im Film-Fernsehgeschäft. Und ganz ehrlich halte ich das Budget eines Filmes für keine emanzipationsrelevante Frage. Mich interessieren überhaupt keine Zahlen. Dahinter können sich alle Seiten immer bequem verstecken. Die entscheidende Frage lautet doch: Wer verhindert wo was genau? Wo gibt es ominöse Absagen, denen frauenfeindliche Absichten zugrunde liegen?

Ellen Wietstock:
Die gibt es haufenweise, manchmal offen und manchmal als Subtext. Der Produzent Martin Hagemann bezeichnet das Filmfördersystem als ein Lotteriespiel mit etwas höheren Chancen als bei 6 aus 49. Die Ablehnungsbegründungen der FFA beziehen sich alle auf den Paragraphen „Nicht wirtschaftlich“ – was immer das heißt.

Heike-Melba Fendel:
Dass Ablehnungen nicht konkret begründet werden, ist in der Tat ein Problem. Aber eines, das alle eingereichten Projekte betrifft. Dasselbe gilt für das Primat der Wirtschaftlichkeit. Und die latente Verachtung für eine Filmkunst, die diesen Namen verdient. Ja, die Filmförderung hat etliche, zuneh¬mend lautstark benannte Pferdefüße. Was mich erzürnt ist, dass Regisseurinnen es als emanzipa¬torisches Projekt begreifen, sich in ein marodes System hinein zu quotieren, anstatt einen echten Fortschritt überhaupt zu bedenken, geschweige denn, ihn in Projektform zu gießen. Bei Pro Quote Regie geht es, ähnlich wie in Fördergremien, um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das lohnt den ganzen Aufriss doch wirklich nicht. Das Lotteriebild würde ja auch bedeuten: Jeder kann im Falle totaler Willkür gewinnen. Der Filmemacher Dietrich Brüggemann hat ja bereits, ich glaube gar nicht mal im Scherz, vorgeschlagen, man sollte tatsächlich unter den eingereichten Projekten das Losverfahren zum Einsatz bringen.

Und, mal ab von der FFA, wer bestimmt eigentlich in den Fördergremien? Die Länderförderungen sind bzw. waren bis vor kurzem durchaus in – mit weitreichenden Entscheidungsmöglichkeiten aus¬gestatteter – weiblicher Hand. Was passierte und passiert dort unter den Chefinnen Hubert, Röthemeyer, Müller und Niehuus? Ein systematisches Verhindern von Frauen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass, hätte man mit all diesen sehr unterschiedlichen Frauen rechtzeitig, also ohne den Umweg einer großangelegten öffentlichen Kampagne geredet, die Projekte gut gepitcht, gut kalkuliert und gut gepackaged eingereicht, diese Projekte in großem Maße zugunsten der möglicher¬weise minderwertigen der Männer abgeschmettert worden wären.

Ellen Wietstock:
Ich schon. Ablehnungen werden natürlich anders verpackt. Ohne eine ganz klare Regelung wird auch kein Mann seinen Sitz im Fördergremium freimachen und damit seine Macht abgeben. Seit letztem Jahr ist Christine Berg Gleichstellungsbeauftrage in der FFA. Aber die Frage ist doch, ob dadurch mehr Frauen in den Genuss der Fördermittel kommen.

Heike-Melba Fendel:
In der Frage steckt ein Widerspruch: Einerseits sollen Frauen in die Gremien, andererseits unterstellt man ihnen – wie den vielen mächtigen TV-Funktionärinnen auch – dass sie, sobald sie in Amt und Würden sind, männliche Untugenden verinnerlichen oder stutenbissig sind oder mit jungen Regis¬seuren flirten wollen. Alles gängige Erklärungsmuster für die mangelnde Förderung von Frauen durch Frauen, die ich ihrerseits als frauenfeindlich bewerte.

Mir scheint wichtig, zwei Sachen zu trennen. Die Brot-und-Butter Jobs beim Fernsehen sind das eine. Also Pilcher, Sokos in allen Regionen, Soaps, Telenovelas, das ganze Routinegewerk. Bei dessen Produzenten gibt es auch keine Verschwörungen gegen die Frauen. Ja, die haben oftmals keine Regisseurinnen auf dem Zettel, weil diese Zettel nicht umgeschrieben oder ergänzt wurden. Da geht man, also eine oder mehrere Regisseurinnen hin, redet mit den Produzenten und Redakteuren, schiebt Credits und Listen rüber, wer wann was machen will und kann. Und motzt lange und laut¬stark, wenn sich nicht zackig was ändert. Niemand und zwar wirklich niemand muss beim öffent¬lich-rechtlichen Fernsehen lange begründen, warum eine Frau hier Regie führen kann und soll. Da muss man die Hand heben. Bloß ist da all die Jahre niemand so aufgeschlagen. Das ist der so pragmatische wie ökonomische Aspekt der Forderung nach stärkerer Teilhabe bei der Vergabe von Regieaufträgen im Fernsehen. Das ist lösbar.

Und dann gibt es das deutsche Kino. Das etwas zu erzählen haben will und muss. Dem immer wieder interessante Ausreißer unterlaufen, aber strukturell einer Fernsehlogik unterworfen ist. Das ein cineastisches Herz und eine visionäre Kraft und, ja, einen weiblichen Blick braucht. Oder mindestens in der Lage sein muss, davon zu erzählen, um Jane Campion zu zitieren, wie Frauen ihr Leben leben. Und zwar auf eine Weise, wie es im deutschen Fernsehen nicht möglich ist, das ja um seinen Bestand und seine Legitimation und die Wahrung von Hierarchien kämpfen muss, also gänzlich unfrei ist.

Mein Unbehagen richtet sich gegen diese undifferenzierte Kampagne nach amerikanischem Vorbild mit Stickern und Glückskeksen und Freund/Feind-Schemata, die ich für filmfeindlich und substanzfeindlich halte. Die im Dienste eines fragwürdigen Burgfriedens zwischen den sehr unterschiedlichen Aktivistinnen weder in einen konkreten pragmatischen Clinch mit den Sachwaltern des Main¬streams geht noch mit auch intellektueller Potenz für grundlegenden Wandel eintritt.

Ich erwarte einen Diskurs über weibliche Erzählweisen, deren Visionen und Vorbilder. Die dies¬jährige Berlinale hätte sich für einen solchen Diskurs angeboten. Diese Chance wurde zugunsten jenes beknackten gemeinsamen Nenners vertan, der jedwede Inhaltlichkeit konsequent und explizit ausschließt. Damit wurde für mich die Legitimation einer solchen Initiative vollkommen ausgehöhlt. Ich frage mich, ob das ein ernsthafter Auftritt eines Kollektivs von Frauen war, die auch künstlerisch etwas bewegen wollen. Welche Geschichte erzählt ProQuote Regie über sich mit dieser Kampagne? Ich erwarte, wenn Regisseurinnen auf der Berlinale für ihr Recht, Filme machen zu können, streiten, auch Stellungnahmen darüber, welche Filme das denn sein werden. Niemand hat über Projekte geredet. Niemand. Ich erwarte ebenfalls eine Einschätzung dessen, was man auf der Berlinale an „Frauenfilmen“ zu sehen bekam.

Die Berlinale hatte zwei große, medial intensiv gespiegelte Themen: Pro Quote Regie und den Film Fifty Shades of Grey, von einer Frau inszeniert, sowohl Drehbuch als auch Buchvorlage sind von Frauen geschrieben. Was sagen die Initiatorinnen von ProQuote Regie dazu, dass sich eine vormals interessante Künstlerin wie Sam Taylor-Johnson vor den Karren einer weltweiten Vermarktungs¬industrie spannen lässt? Die Industrie ist längst weiter als Regie – ihre gruseligsten und sexistisch¬sten Produktionen lässt sie von Frauen inszenieren. Der Erfolg an den Kinokassen gibt dieser Strategie Recht. Ist das wirklich „Juhu“? Ist das im Sinne der Sache der Frau, des Kinos? Anika Decker hat den erfolgreichen Autorinnenfilm Traumfrauen gemacht, Franziska Meyer-Price führte Regie bei Männerhort. Mehr davon? Ist das Kernziel von Pro Quote Regie erreicht, wenn mehr Frauen Filme in der Schweiger/Schweighöfer-Liga machen? Wenn in den Bildwelten ein männer¬dominierter Blick existiert, möchte ich schon wissen, wie ProQuote Regie damit umgeht, wenn Frauen diesen Männerblick einnehmen und bestenfalls variieren.

Ellen Wietstock:
Die Regisseurin Helke Sander ist der Auffassung, dass erst dann Gleichberechtigung herrscht, wenn Frauen den gleichen Blödsinn machen können wie Männer.

Heike-Melba Fendel:
Ein so oft wiederholter wie entsetzlicher Satz. Das Verständnis von Gleichberechtigung als Aus¬weitung einer Katastrophe auf das andere Geschlecht schadet allen. Ich habe keinen Geschlechtspatriotismus, ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass ich einen Film von einer Frau wohlwollender betrachten muss als den von einem Mann.

Ellen Wietstock:
Du erwartest, dass Frauen das innovativere und interessantere Kino machen können und wollen.

Heike-Melba Fendel:
Ich sehne mich nach innovativem und interessantem Kino, Punkt. Und wenn es von Frauen gemacht wird, umso besser. Wenn die Frauen mit großem Tamtam nach Veränderungen rufen, dann sollten sie ihre Kraft für einen Aufbruch in eine andere Sicht aufs Filmemachen und dessen Finanzierungsstrukturen nutzen. Ich halte die ProQuote Regie-Bewegung für systemstabilisierend, d.h. die Frauen wollen die Hälfte von all dem, was es jetzt gibt. Und das ist grosso modo nicht so funky. Es gilt, die Zukunft zu gestalten. Mich interessiert, wie das Neue in unsere Filme kommt.

Ellen Wietstock:
Alle wollen etwas Neues und Innovatives – jetzt wird als Novum gehandelt, dass die Filmförderung eine Fernsehserie mit Tom Tykwer und Hendrik Handloegten finanziert. X Filme produziert sowohl für das öffentliche-rechtliche Fernsehen als auch für Sky. Wenn mehrere Frauen mit einem Serienprojekt vorstellig geworden wären, hätten sie dann Aussicht auf Förderung gehabt?

Heike-Melba Fendel:
Sie werden ja erst gar nicht vorstellig. Sky ist ein gutes Stichwort. Die haben über ein Jahr alle und jeden empfangen, die ihnen etwas vorstellen wollten. Open Shop also. Über hundert persönliche Termine und Gespräche haben auf diesen Aufruf hin stattgefunden. Darunter ganze fünf Frauen. Nicht weil sie ausgegrenzt wurden, sondern weil sie schlicht nicht die Peile hatten, da mal hinzugehen. Das nervt mich wirklich, erst pennen, dann jammern, dann Quotenkeule.

Zu deiner Frage: Aber ja, vorausgesetzt, sie können Erfolgskriterien wie einen guten Cast – der nicht zwingend auf Stars setzen muss – und ein überzeugendes Vermarktungskonzept vorweisen. Niemand verhindert Frauen, wenn die mit etwas Erfolgversprechendem um die Ecke kommen. Und Erfolg hat viele Gesichter, auch das kreativer oder internationaler Relevanz. Man muss das natürlich vermitteln können, aber das ist Teil des Jobs.

Die wichtigste Frage in dieser Debatte, die eben genau diesen Namen nicht verdient, lautet doch: Wie kann man Weiblichkeit erzählen, will man das und wenn ja, was ist das überhaupt, ist es er¬zählenswert und wenn ja, in welcher Form. Angesichts jener männlich konnotierter Methoden, mit denen ProQuote Regie auftritt – also dem Wegwischen von Zwischentönen und Zweifeln und Gebrochenheit und jedweder persönlichen Färbung – welche Geschichten wollen diese Frauen denn nun eigentlich erzählen. Davon war bislang nichts zu hören. Ich glaube an ein Recht auf Gebrochen¬heit und Widersprüchlichkeit und Suchbewegung, übrigens nicht nur bei Frauenfiguren, sondern bei allen Figuren. Dieses Primat der Eindeutigkeit, dass das Fernsehen sowieso und auch das Kino wesentlich dominiert, ist die eigentliche Katastrophe. Also Promis, Plotpoints, Pathos und das alles am besten nach irgendeinem erfolgreichen Vorbild.

Marketing ist ein Lautsprecher. Nicht mehr und nicht weniger. Marketing kommt nach dem Fall, also nach dem Film, den man sich erträumt. Wir haben das Marketing oder die Vermarktbarkeit falsch platziert. Nämlich vor die Idee des Kinos, das wir machen wollen. Gutes Marketing kann auch so genannte schwierige Projekte schultern. Ich denke da zum Beispiel an Michael Hanekes Liebe. Es gibt keinen unvermarktbaren Film, aber es sollte unverfilmbare Marketingvorlagen geben.

In diesem Kontext ist ProQuote-Regie für mich falsch platziert. In dem Moment, in dem sich eine Kampagne so sehr der Eindeutigkeit verschreibt, so unpersönlich und charityhaft daherkommt, verrät sie das Kino im Namen einer falsch verstandenen Gerechtigkeit, die sagt, egal wie der Film ist, Hauptsache, eine Frau hat ihn gedreht.

Es gibt ja, national wie international, Beispiele für ein Kino von Frauen, das sich vor allem durch die Unbeirrbarkeit auszeichnet, mit dem es seinen Weg durch Erfolge wie Misserfolge geht. Jane Campion, Susanne Bier, Isabel Coixet, Pia Marais, Vanessa Jopp, Feo Aladag oder Maren Ade. Im Fernsehen leistet das zum Beispiel Aelrun Goette.

Beim Filmemachen geht es immer auch um Bündnisse, die das professionelle Verzeihen eines oft ja nur scheinbaren Flops ermöglichen. Das setzt zudem einen erzählerischen und inszenatorischen Atem voraus, der einen dadurch trägt. Wenn man darum kämpft, diesen Beruf ausüben zu können, ist das aus meiner Sicht untrennbar damit verbunden zu sagen, das sind meine Stoffe, ich kann nicht anders. Und ich will es übrigens auch gar nicht. Die Quote halte ich für den Ausdruck einer Ver¬zagtheit vor der eigenen Potenz. Ich bevorzuge Aktionsbündnisse zu einzelnen Projekten oder Projektpaketen. Mit einem klar definierten Budgetrahmen, dem das narrative Format standhält. Vermarktungsstrategien, die das Ganze mit einer gewissen Aura des Gelingens umschließen, braucht es natürlich auch.

Unsere Branche ist erheblich von Irrationalismus geprägt: Warum gelingt etwas, warum scheitert etwas; warum wird ein Schauspieler zum Star und sein „ besserer“ Kollege nicht. Viele Leute, die meisten wohl, versuchen mittels erprobter, oftmals ihrerseits zufällig entstandener Erfolgsrezepte auf Nummer Sicher zu gehen, das hat aber die Floprate keinesfalls gesenkt. Anstatt es in eine unmög¬liche Planbarkeit zu überführen, sollte man das Volatile, das Unberechenbare unserer Branche als Chance für ein Spiel mit offenem Ausgang begreifen.

Ellen Wietstock:
Regisseurinnen wie Jane Campion und Pia Marais wurden von Karl Baumgartner gefördert, der hat Talente erkannt und mehrere, zumindest zwei Projekte ermöglicht. Das strukturelle Problem der Filmförderung ist das Fördern nach Antragslage und Standorteffekten. In Deutschland können sich schon seit Jahren keine Regietalente mehr kontinuierlich entwickeln.

Heike-Melba Fendel:
Das ist richtig und ist natürlich nicht durch Platzieren von Frauen in die Entscheidungsgremien zu lösen. Hier müssen alle Filmemacher an einem Strang ziehen, um Karrieren oder mindestens Kontinuität abseits von Einzelprojekten ermöglichen zu können. Ein ganz schlichtes Problem von Gremien ist doch der Zeitmangel und die Alltagsferne ihrer Entscheider. Die haben von Sachzwängen geprägte 60-Stunden-Wochen, wenn es gut läuft. Diese Leute haben gar nicht die Muße, cineastische und gesellschaftliche Utopien denken und ermöglichen zu können. Sie verlassen sich auf rasch Belegbares: Stimmungsbilder, Medien, Zahlen, Promis und andere Eindeutigkeiten, weil sie nicht mehr in der Lage sind, durch eigene Anschauung, geschweige denn Erleben, etwas über die Welt im Allgemeinen und die narrativen Herausforderungen von Morgen in Erfahrung zu bringen. Die sind alle plusminus 50 Jahre alt und argumentieren zur Not mit den eigenen Kindern, wenn es um die Vorlieben einer jüngeren Generation geht. Als bei Pro7 noch Eigenproduktionen gemacht wurden, gab es ständig etwas über junge Paare, die überlegen, ob sie Kinder haben wollen oder nicht, weil Pro7-Redakteure eben in dieser Situation waren. Die haben alles durchgewunken, was irgendwie nach „Frau will Kind – Mann nicht“ klang. Genau ihr Leben.Auf dem ersten ProQuote-Panel in der Akademie der Künste im Oktober letzten Jahres wünschte Kirsten Niehuus sich ein deutsches Äquivalent zu Lena Dunhams Girls. So etwas vermisse sie. Girls ist 2011 entstanden. Konzipierte man heute hierzulande etwas Vergleichbares, könnte es frühestens 2017 gesendet werden oder in die Kinos kommen. Aber die Welt verändert sich erheblich in sechs Jahren, das Selbstbild junger Frauen sowieso. Interessanter als US-amerikanische Erfolge von gestern in mögliche Erfolge von morgen einzudeutschen, wäre es doch, in eben dieses Morgen zu schauen, eine Art filmische Agenda 2020 auf den Weg zu bringen. Da hält niemand eine oder mehrere Frauen von ab.

Ellen Wietstock:
Ich wäre da nicht so sicher, einfach deswegen, weil ich glaube, dass die Förderstrukturen momentan eher Projekte von Männern begünstigen. Vielleicht geben die Frauen bei Widerstand auch schneller auf.

Heike-Melba Fendel:
Einsatz und Durchsetzungsfähigkeit sind immer Teil des Regie-Handwerks. Wer das nicht hat, braucht nicht anzutreten.

Ellen Wietstock:
Niemand erfährt, was eigentlich zur Entscheidung vorlag. Es gibt keine Transparenz, was die Entscheidungen der Filmförderung betrifft. Eine Frau aus der BKM-Jury berichtet, dass sich für interessante Projekte von Frauen oftmals keine Mehrheit findet.

Heike-Melba Fendel:
Wenn die Institutionen keine Transparenz herstellen, können die Frauen ja damit anfangen. Sie können offenlegen, was sie einreichen. Das wäre ein lustiger erster Schritt. Das macht Dinge sichtbar. Also eine Website einrichten, auf dem alle von Frauen eingereichten Projekte vorgestellt werden. Sind die Entscheidungen gefallen, kann man diese mit den geförderten abgleichen. In dem Moment hat man einen viel konkreteren Diskurs.

Ellen Wietstock:
Das traut sich kein Mensch.

Heike-Melba Fendel:
Ohne Traute keine Veränderung. Das gilt nicht nur für Frauen. Das vergällt mir ja auch die ProQuote-Aktionen. Sie versammeln Mehrheiten hinter einer Meinung, die in dieser Gesellschaft längst mehrheitsfähig ist, lassen sich von einer mehrheitssüchtigen Politik vereinnahmen, rennen offene Türen mit einer derartigen Verve ein, dass sie am Ende des Korridors wieder an die Wand knallen. Wenn ich sehe, wie viel Zeit und Liebesmühe investiert wird, um etwas ins Bewusstsein zu bringen, was längst Konsens ist, macht es viel mehr Sinn, sich auch wirklich mal etwas zu trauen. Und um Konkretion. Es hilft doch nix, zu bejammern, wie wenige Frauenfilme in Wettbewerben von A-Festivals laufen, wenn man nicht aufzählen kann, welche Filme aus der aktuellen Produktion geeignet gewesen wären. Es hilft auch nix, zu beklatschen, dass die Berlinale mit dem Film einer – ansonsten übrigens oft großartigen – Regisseurin eröffnet wird, wenn der dann Grütze ist und alle, wie in diesem Jahr, peinlich berührt den Saal verlassen.

An vagen Generalisierungen krankt ja das ganze System. Auf der einen Seite leben wir einen gephotoshoppten Exhibitionismus, eine fortwährende „Ichisierung“, auf der anderen steht die vollkommene Weigerung, wirklich persönlich zu werden. Also sein auch im übertragenen Sinne nicht photogeshopptes Ich zu zeigen und öffentlich zu machen. Das heißt natürlich auch, sich Kritik und möglichem Scheitern auszuliefern, sich mit Themen und Filmen zu offenbaren, die einen vielleicht nicht so gut aussehen lassen. Jedes Experiment kann scheitern, aber in vorauseilender Scheitern-Vermeidung auf Nummer sicher zu setzen, hat uns das Kino beschert, das wir aktuell mehrheitlich zu sehen bekommen.

Ellen Wietstock:
Aber die Aktivistinnen berichten, dass sie mit solchen Projekten bei den Förderungen nur selten zum Zuge kommen.

Heike-Melba Fendel:
Um mal einen beliebten Politikersatz zu sagen: Das muss man sich genau anschauen. Genauso kann man sich im Sinne einer „Best Practice“ ja auch mal anschauen, wie es die regelmäßig filmenden Kolleginnen schaffen und geschafft haben, sich durchzusetzen. Wie sehen die sicher ganz unter¬schiedlichen Strategien von ganz unterschiedlich temperierten Regisseurinnen von Margarethe von Trotta über Doris Dörrie bis Pia Marais aus? Und wenn ein belastbares Bündnis zwischen Regisseurinnen und Entscheider-Gremien wirklich problematisch sein sollte, welche andere Bündnisse können greifen, um mein Projekt voranzutreiben, Druck zu machen, Begehrlichkeit zu wecken, Angebote zu schaffen, die man nicht ablehnen kann. Welche Allianzen können entstehen, mit bildenden Künstlern, PR-Leuten, Castern, Schauspiel-Agenten, Festival-Machern, neue Medien-Machern, Paten, Journalisten, Gamern… Diese Erfahrungen kann man ausweiten und teilen.

Ellen Wietstock:
Tolle Idee, aber Bündnisse sind schwierig wegen der allgegenwärtigen Konkurrenz.

Heike-Melba Fendel:
So, jetzt muss ich doch noch eine Lanze für ProQuote Regie brechen und zwar im Kontext eines neuen Miteinanders: Viele Aktivistinnen beschreiben es als extrem beglückend, endlich Solidarität in dieser Branche zu erfahren und zu gestalten, ein Projekt gemeinsam und im Austausch auf Augenhöhe durchzuziehen. Das respektiere ich und sehe es als Aufbruch in eine neue Form der Zusammenarbeit, die sich möglicherweise auch in andere Themen- oder Arbeitsfelder überführen lässt als den Kurzschluss Quote.

Nach nunmehr neun Monaten ProQuote Regie bin ich zwar immer noch nicht für die Quote, besteht meine Gegnerschaft zu diesem formalistischen Zugriff auf Veränderung fort. Aber eben diese Gegnerschaft hat mich im Rahmen etlicher Podiumsdiskussionen, einiger von mir verfasster Artikel und zahlloser Streitereien und Diskussionen in einen Dialog mit den Regisseurinnen gebracht. Viele von ihnen kannte ich ja bereits, aber eher im diskursfreien Raum. Und so sehr wir uns in der ersten Phase ratlos bis unversöhnt gegenüber standen, so gab es im zweiten Durchgang doch eine zuneh¬mende Offenheit für die Argumente der jeweils anderen. Und allmählich und punktuell beginnen wir, uns zusammenzuraufen und gemeinsam Dinge auszudenken.

Diese und weitere Öffnungen sehe ich keinesfalls als den Erfolg einer ohnehin zweifelhaften Strategie nach der man Maximalforderungen stellt, um wenigstens im Kleinen etwas zu bewegen. Es sind Nebeneffekte einer Kampagne, die auch ohne sie möglich gewesen wären. Es geht schlicht um die Bereitschaft zu schauen, wohin man den Veränderungsball im Team Aufbruch spielen kann. Und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Von Quotengegnerinnen, von Männern, von Film-förderern, von Zuschauern und von sich selbst. Strukturen sind schlussendlich auch nichts anderes als Fiktionen, an die besonders viele Leute besonders fest glauben. Es ist an der Zeit, diese Fiktionen zu überschreiben. Und den Glauben zu bewahren.

Veröffentlicht unter Allgemein
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