Die Filmförderung umgestalten

Aus: black box 274, Juli 2018

Das wollen wir – und zwar sofort (Verleih und Kino)

Von Ellen Wietstock

Schon seltsam: Seit etlichen Wochen ist das sogenannte Frankfurter Papier in der Welt, das einen kompletten Umbau des deutschen Filmförderungssystems vorsieht. Bislang haben sich die Ver¬walter und Verwalterinnen der Filmförderinstitutionenzu diesen Forderungen nicht öffentlich geäußert. Das kann zweierlei Gründe haben: Entweder die Verantwortlichen nehmen die Akteure nicht ernst oder aber sie halten den Angriff in der Sache für derart existenziell bedrohlich, dass Ignorieren und
Aussitzen als einzige Alternative erscheint. Dabei handelt es sich um ein kritisch-konstruktives Papier mit durchweg sinnvollenForderungen, die über die Jahre von Fachverbänden und Einzelkämpfern auf zahllosen filmpolitischen Panels erhoben wurdenund nur der Sache, nämlich dem deutschen Film, zugutekommen.

Nach den detaillierten Forderungen für die Vergabe der Produktionsförderung (siehe black box 273) hier nun Reformvorschläge der Frankfurter Gruppe für den Auswertungsbereich:

Verleihförderung auch ohne Produktionsförderung:
Die verschiedenen Bestandteile der Filmförderung müssen voneinander entkoppelt werden. Wir plädieren dafür, dass Verleihförderungen unabhängig von der Produktionsförderung sind. Das bedeutet: Verleihförderung soll grundsätzlich auch denjenigen Filmen zugutekommen können, die keine Produktionsförderung bekommen haben. Dies gilt für deutsche wie auchfür internationale Produktionen. Für eine lebendige Film- und Kinokultur ist es wichtig, dass möglichst viele Produktionen dieChance auf diese wichtige Unterstützung für eine Kinopräsenz bekommen.

Verleihvertrag darf keine Voraussetzung für Produktionsförderung sein
Ebenso wichtig ist es im Gegenzug, die Produktionsförderung von der Verleihzusage zu entkoppeln. Das gilt für alle Förderinstrumente, insbesondere für den DFFF. Mit der Verbindung von Produktionsförderung und Verleihzusage wird suggeriert, dass alle Filme ins Kino kommen und dort eine gute Auswertung erfahren können. Sie ist auch einer der Gründe für die steigende Zahl der Kinostarts, die zur Folge hat, dass Filme schlechterer Qualität die Kinos verstopfen. Die Entkopplung von Verleih- und Produktionsförderung entbindet auch Verleihfirmen von der Notwendigkeit, sich an Projekten zu beteiligen, von denen sie nicht absehen können, ob der Film im Kino eine Chance hat.

Sperrfristen aufheben, Kinos stärken

Der Kinostart eines Films hat weiterhin die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen, Filme bekannt zu machen und ins Gespräch zu bringen. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit leisten die Kinos einen wichtigen Beitrag dazu. Deshalb sollten sie in die Online-Auswertung mit einbezogen werden. Sie sollen an den Einnahmen aus dem VOD-Vertrieb beteiligt werden, wobei sich die Höhe der Beteiligung nach der Dauer des Kinoeinsatzes und der erzielten Besucherzahlen richtet. Dafür gibt es verschie-
dene Modelle, unter anderem die Möglichkeit, dass Kinos den VOD-Vertrieb auf ihren eigenen Homepages anbieten können.

Angesichts des Wandels der Distributionsformen und der stark wachsenden Bedeutung von Onlinevertrieb fordern wir eine Aufhebung der bislang gesetzlich festgelegten Sperrfristen. Stattdessen plädieren wir für die Möglichkeit, flexible und individuelle Regelungen zwischen den Kinos und den VerleiherInnen/ProduzentInnen zu vereinbaren. Das ermöglicht die dringend notwendige Entwicklung alternativer Herausbringungsstrategien, insbesondere an der Schnittstelle zwischen Kino und VOD-Auswertung.

Nachwuchs und Ausbildung
Film war bereits das Leitmedium des 20. Jahrhunderts und hat im 21. Jahrhundert – gerade auch in durch die technische Entwicklung geschaffenen zusätzlichen Formen – eher noch an Bedeutung gewonnen. Viele junge Menschen zieht es in die Berufe unserer Branche – viel mehr, als im Arbeitsmarkt langfristig ein Auskommen finden können. Ihre Talente, Biographien,
Erzählanliegen sind höchst heterogen. Und kaum einmal lässt sich schon frühzeitig der Wert des späteren Beitrags des einzelnen Nachwuchs-Filmschaffens für die Zukunft des deutschen Films erkennen. Dement¬sprechend erscheint es wichtig, möglichst vielen potentiellen Talenten erst einmal eine Chance zu geben.

Die heterogene Ausbildungslandschaft mit allein in Deutschland sieben Filmhochschulen von Weltrang, angewandten Medienstudiengängen an Fachhochschulen und Filmklassen an Kunst¬hochschulen ist grundsätzlich begrüßenswert. Die Vielfalt dieser Ausbildungswege ist geeignet, der Vielfalt der Biographien und künstlerischen Visionen der Auszubildenden zu entsprechen. Darüber hinaus bedeutet sie für die Angenommenen oft eine Finanzierungszusage für eine Reihe von Projekten
und den Zugang zu einem Netzwerk aus KommilitonInnen und Alumni, das in einer beziehungsgetriebenen Branche von kaumzu überschätzendem Wert sein kann. Ein wesentlicher Teil der Filmausbildung sollte das praktische Filmschaffen und die Auseinandersetzung mit dem Publikum sein. Dabei müssen neue bzw. alternative Auswertungswege gleichwertig neben klassischen Verwertungsformen wie der Kinoauswertung gedacht werden.

Kino als soziokultureller Ort
Kino ist ein soziokultureller Ort der Begegnung, der gemeinsamen ästhetischen Erfahrung, des Austauschs, der Reflektion, des Gesprächs, des Zusammenhalts der Gesellschaft und stellt besonders auf dem Land einen wichtigen Standortfaktor dar. In dieser gesellschaftlichen und kulturellen Funktion und Bedeutung sind Kinos stärker als bislang zu fördern, um erstens ihren Bestand in der Fläche zu sichern und ihnen zweitens zu ermöglichen, mit einem langfristig angelegten anspruchsvollen Programm und einem attraktiven Rahmenprogramm ein neues Publikum vor Ort zu gewinnen und zu halten und auf diese Weise zur kulturellen Bildung beizutragen. Kino als soziokulturellen Erfahrungsort zu fördern ist eine Aufgabe von gesamt
staatlicher Bedeutung.

BKM- Kinoprogrammpreise erhöhen und ausbauen
Wir begrüßen eine entsprechende Aussage im Koalitionsvertrag der Bundesregierung und fordern, den Kinoprogrammpreis der BKM deutlich zu erhöhen. Er soll dahingehend ausgebaut werden,dass Kinos in die Lage versetzt werden, vor Ort eine nachhaltige Strategie für die Publikumsgewinnung und das Zielgruppenmarketing für ein anspruchsvolles Programm zu entwickeln. Den Kinos wird dadurch ermöglicht, vor Ort mit den ihnen vertrauten Partnern und Organisationen zusammenzuarbeiten. Die BKM soll deutlich mehr Kinos in das Programm aufnehmen. Das soll auch die Förderung von Modellprojekten beinhalten. Das sind Konzepte für Programmierung und Öffentlichkeitsarbeit, die über drei Jahre angelegt
sein sollen, damit sie nachhaltiger wirken und so Modellcharakter entfalten können.

Kinos in der Fläche fördern
Aktuelle Tendenzen, neue Kinos insbesondere in der Fläche zu gründen, sind von den Ländern zu unterstützen, indem sie sich
an Investitionen beteiligen und auch die notwenigen technischen Umrüstungen bestehender Kinos finanziell fördern.

Filmausbildung stärken
Kulturvermittlung als solche gewinnt eine immer größere Bedeutung innerhalb der Gesellschaft, die alle Altersklassen und Gruppen der Gesellschaft umfassen muss. Filmbildung sollte bereits im vorschulischen Alter beginnen. Initiativen haben gezeigt, dass bereits vier- bis sechsjährige Kinder dafür offen sind, auch für die Begegnung mit anspruchsvollen Filmformen.
Festzuhalten bleibt jedoch, dass im Augenblick geeignete Filme für Vorschulkinder fehlen.

Film als eigenständiges Leitmedium im Schulunterricht verankern
Um die Filmkultur in Deutschland zu fördern, ist es unabdingbar, Film als Leitmedium im Schulunterricht zu verankern und zwar ab der ersten Klasse. Dabei darf Filmbildung nicht im Dienst anderer Fächer stehen, sondern legitimiert sich aus eigenem Recht, weshalb die Ästhetik, das filmische Erzählen, die Vermittlung der Filmgeschichte und der Vielfalt kinematografischerFormen im Mittelpunkt des Fachs stehen müssen.

Aus- und Fortbildung
Für die Filmbildung in den Schulen müssen neue Formen des Lehrens und des Lernens entwickelt werden. Dazu bedarf es der Ausbildung von FilmpädagogInnen sowie der regelmäßigen Weiterbildung von Lehrkräften. Außerdem müssen neue im Internet verfügbare Learning Tools entwickelt werden, mit deren Hilfe sich Filmanalyse und Vermittlung von fundiertem
Filmwissen adäquat umsetzen lassen. In die schulische Bildung sind Festivals und das Kino als außerschulischer Lernort vor Ort einzubinden. Dabei darf diese Art der Filmbildung im Kino fnanziell nicht zu Lasten des Kinos selbst gehen. Differenzen zwischen dem Eintrittspreis für die Schulen und dem regulären Ticketpreis sind auszugleichen.

Veröffentlicht unter Allgemein
black box, ein filmpolitischer Informationsdienst, bietet seit 1982 in konzentrierter Form alle sechs Wochen das, was andere Zeitschriften nicht bieten:

  • Nachrichten und Kommentare zur deutschen Filmlandschaft
  • Gremien- und Ministerentscheidungen
  • Förderungsprämien
  • Einreichfristen
  • Festivaltermine
  • Veranstaltungs- und Literaturübersicht
  • neue deutsche Filme
Kurz: alles über Bewegung und Stillstand, Widerstand und Anpassung des deutschen Films.