BKM-Verleihförderung: Wissen sie, was sie da tun?

Filmpolitischer Informationsdienst Nr. 291, August 2020

Von Ellen Wietstock

Während im alltäglichen Film- und Kinogeschäft über Abstands- und Vermummungsregelungen verhandelt wird, brennt an anderer Stelle die Hütte. Zur Stärkung des Verleihsektors stellt Kulturstaatsministerin Monika Grütters zusätzlich 15 Mio. € bereit. Geld ist immer willkommen, insbesondere, wenn monatelang keine Umsätze erzielt wurden. Also eigentlich ein Anlass zur Freude. Nur gerade jetzt, in einer Zeit, in der es darum geht, insbesondere kleine Verleihfirmen in ihrer engagierten Arbeit zu unterstützen, sollen allein 10 Mio. € dieser zusätzlichen Mittel an Filme fließen, die nach FFA-Kriterien vergeben werden sollen, also an (vermeintlich) kommerzielle Filme großer Verleihunternehmen. In den Genuss der FFA-Verleihförderung kommen unabhängige Verleiher höchst selten, die Medialeistungen werden grundsätzlich nur dem Mainstream-Kino zugesprochen.

Die kulturelle Verleihförderung des BKM wird um weitere 4 Mio. € aufgestockt. Mit der Erhöhung des Etats geht allerdings eine gravierende Richtlinienänderung einher: Künftig können nur noch Filme mit einem Mindestbudget für die Herausbringung in Höhe von 40.000 € eingereicht werden. Bislang subventionierte das BKM im Verleihbereich ausschließlich Filmkunst, die von kleinen und mittleren Verleihern in die Kinos gebracht wurden. Die Fördersummen für eine Kinoauswertung lagen bisher pro Projekt zwischen 10.000 und 50.000 €. Mit diesen Summen, so Björn Koll vom Verleih Salzgeber, lassen sich durchaus Filme erfolgreich vermarkten, und er nennt Beispiele für diese Praxis: Das melancholische Mädchen von Susanne Heinrich (Max-Ophüls-Preis 2019), Familie Brasch von Annekatrin Hendel und Rafiki von Wanuri Kahiu (Cannes/Un certain regard). Diese Filme wurden mit niedrigeren Herausbringungskosten gestartet, haben die Kosten vollständig eingespielt, die Verleihförderung zurückgezahlt und Erlöse für Kino, Produktion und Verleih erwirt­schaftet. Vorbildlich, so soll Filmförderung funktionieren. Stattdessen werden mit dieser neuen Eingangsschwelle zahlreiche Verleiher, die nicht nur besondere deutsche Filme, sondern auch hoch angesehene internationale Filmkunst in die deutschen Kinos bringen, de facto von der kulturellen Verleihförderung des Bundes ausgeschlossen.

Hier reguliert die Kulturstaatsministerin, die gern in Reden zur Eröffnung der Berlinale oder beim Deutschen Filmpreis die Filmkunst hochleben lässt, den Teilmarkt besonderer Arthouse-Film von der Bildfläche. Welche Expertise, welche Haltung liegt dieser neuen Regelung zugrunde? Eine mit starrem Blick auf die Besucherzahlen gerichtete Entscheidung, ohne das Verhältnis von Input und Output, von investierter Förderung und Kinoeinnahmen zu berücksichtigen? Oder handelt es sich bei diesem Vorgehen am Ende um gezielte Flurbereinigung, um die bei einem Teil der Branche unge­liebte Kategorie „Unter-10.000-Besucher-Filme“ auf dem deutschen Kinomarkt im Zuge der

C-Krise gleich mit abzuschaffen?  Sind eigentlich die zahlreichen Stellungnahmen zur FFG-Novel­lierung, die einen grundlegenden Umbau der Filmförderung fordern, überhaupt von den Verant­wortlichen gelesen und diskutiert worden?

Auch wenn es an dieser Stelle schon gefühlt hundertfach gesagt wurde: In dieser Nische bewegen sich oftmals genau die Regietalente, deren erste Arbeiten eine Kinoauswertung verdienen, weil sie sich von dem Standardangebot durch Frische und Eigenwilligkeit unterscheiden. Deutschland leistet sich sechs große Filmhochschulen, die Talente ausbilden, am Nachwuchshimmel aufblitzen und dann wieder verlöschen. Wenn das deutsche Kino auf internationalem Niveau mitspielen will, dann muss künftig verstärkt genau hier hingeschaut werden. Es geht darum, talentierte Menschen mit ihren Arbeiten zu fördern. Dazu gehört auch, dass diese Filme nicht nur produziert, sondern auch sichtbar gemacht werden. Und wenn es dann auch noch engagierte unabhängige Verleiher schaffen, eine erfolgreiche Kinoauswertung mit Erlösen hinzulegen, umso besser.

Veröffentlicht unter Allgemein
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