Gesucht: Systemsprenger für die Filmförderung

black box 287, Januar 2020

Von Ellen Wietstock

Wer wünschte sich nicht schon lange insgeheim eine Stimme aus der Politik, die die notwendigen Schritte zum Umbau des Filmförderungssystems verkündet und couragiert in die Tat umsetzt? Doch die beiden SPD-Politiker Martin Rabanus und Björn Böhning, die sich vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag in der Fachzeitschrift Blickpunkt: Film zu Wort meldeten, werden den Schalter nicht umlegen. „Wir wollen den deutschen Film sichtbarer und erfolgreicher machen“, heißt es dort. Diesem Wunsch können sich in seiner Allgemeinheit wohl alle Branchenteilnehmer anschließen, unabhängig davon, in welchen Teilmärkten sie arbeiten. Nur dürften die Auswege aus dem schon Jahre andauernden Dilemma sehr unterschiedlich sein. Wessen Interessen formulieren die beiden Politiker, wem haben sie zugehört?

„Fehlförderung“
„Viele kulturell und ökonomisch erfolgsversprechende Filme werden zu wenig gefördert, während gleichzeitig zu viele geförderte Filme weniger als 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer finden. Die Frage, die wir stellen, ist also, wie Deutschland die Lücke zwischen Höhe der Förderung und erfolgreichen Filmen (sei es an der Kinokasse oder bei Festivals) schließt.“

Dieser Einschätzung von Rabanus und Böhning liegt die Fehlannahme zugrunde, dass der Erfolg eines Films kalkulierbar sei und ein mit viel Fördermitteln ausgestatteter Film mehr Kinobesucher-innen generiert. Dieser Automatismus ist statistisch längst widerlegt: Ein Film wie Ballon erreicht mit einer Förderinvestition von 5 Mio. Euro 910.000 Kinobesucher, Jim Knopf mit 9,2 Mio. Euro Fördergeld lediglich 1,9 Mio. Besucher, Verschwörung mit der enormen Fördersumme von 11 Mio. Euro auch nur 111.000 Zuschauer, während der ohne Fördergelder hergestellte Film Landrauschen 40.000 Besucher erreicht. Auf die rund 60 Filme, die im Jahre 2018 weniger als 10.000 Kinobesucher-innen erzielten, entfallen insgesamt ca. 16 Mio. Euro Filmförderung. Darunter befinden sich Autorenfilme von deutschen Regisseur-innen sowie internationale Koproduktionen, die auf den A-Festivals in Cannes, Venedig und Berlin liefen bzw. eine weltweite Festivalauswertung vorweisen können. Etwa die Hälfte der „Unter-10.000“-Filme entstand ganz ohne oder mit einer absolut marginalen Förderung.

Erfolg ist nicht planbar
Die Liste mit anschaulichen Beispielen zur Frage der Relation zwischen Förderinvestment und Kinobesucher lässt sich beliebig fortsetzen (siehe dazu black box 286). Unerlässlich ist deshalb eine Neudefinition des Begriffs Erfolg sowohl für den kommerziellen als auch für den künstle­rischen Film. Wenn Rabanus und Böhning jetzt mit ihrer Einlassung auf die Förderung der „richtigen“ Filme drängen, lassen sie völlig außer Acht, dass es sich bei der Filmherstellung weltweit um ein Risikogeschäft handelt – hohes Einspiel an der Kinokasse ist nicht planbar. Und sie fragen nicht, ob die Voraussetzungen dafür, dass der deutsche Film im Weltkino wieder in Erscheinung treten kann, überhaupt gegeben sind, geschweige denn die Ansagen formulieren, was dringend an Veränderung auf der Tagesordnung steht. Können tatsächlich die talentiertesten Regisseurinnen und Regisseure, Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren, die engagiertesten Produzentinnen und Produzenten und visionären Kameraleute hier und heute ihre Kinoprojekte realisieren, werden sie mit offenen Armen und neugierig gespitzten Ohren bei den Kinofilm-Förderern empfangen? Wohl kaum. Das Gegenteil ist der Fall: Haben sie noch keinen Namen, werden sie abgewimmelt mit dem Argument, „Macht sowas wie Toni Erdmann“. Ist ihnen ein bemerkenswerter und preisgekrönter Debütfilm gelungen, werden ihnen Mainstream-Kinoprojekte angeboten oder die ARD winkt mit einer Tatort-Regie (die kaum jemand ablehnen kann, weil der Mensch schließlich seinen Lebensunterhalt verdienen muss).

Sind die Richtlinien der einzelnen Förderinstitutionen so aufeinander abgestimmt, dass der talentierte Regie-Drehbuch-Nachwuchs kontinuierlich zum Zug kommt? Gibt es vielversprechende Kinoprojekte von Regieleuten der mittleren Generation, die aus fördertechnischen Gründen nicht produziert werden können, weil die Geschichte zum Beispiel zu wenige Drehtage in der Region vorsieht? Vermutlich liest sich die Liste der auf der Strecke gebliebenen Kinoprojekte mit Originalstoffen von renommierten Regisseur-innen interessanter als das, was die Verantwortlichen an Kinostoffen auf den Weg bringen in der Hoffnung, es möge an der Kinokasse reüssieren. Bei ihrem Bemühen, kein Risiko einzugehen, wählen sie die sichere Bank der Zutatenfilme: Projekte , die auf Bestsellern und Buchvorlagen aller Art (Ferdinand von Schirach), auf bekannten Persön­lichkeiten (Udo Lindenberg, Udo Jürgens, Hape Kerkeling) und auf das unerschöpfliche Reservoir an Kinder- und Jugendbüchern beruhen (Pettersson und Findus, Ostwind, Liliane Susewind, Die Biene Maja, Die Häschenschule usf.). Auch Remakes haben gute Chancen auf Fördermittel (Immenhof, Berlin Alexanderplatz, Adolf Zitterbacke, Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Schachnovelle usf.). In diesen Bereich fließt der weitaus größte Teil der Fördermittel. Diesen jetzt noch mit mehr Geld zu befeuern, wie die beiden SPD-Politiker vorschlagen, ist kontraproduktiv. Erfreulich aber, dass sie den „ökonomisch erfolgreichen Film“ und den „Festivalfilm“ als getrennte, aber komplementäre Bereiche begreifen. Nur fehlt hier die klare Ansage, eine deutliche Gewichtung zugunsten des künstlerischen Films vorzunehmen.

Drehbuch
Und abschließend muss nach Auffassung von Rabanus und Böhning „die Qualität der Stoffe erhöht werden und zugleich die Frage gestellt werden, warum zu wenig gute Stoffe den Weg auf die Lein­wand finden.

Sehr gute Frage, und ganz leicht zu beantworten, denn die Gründe liegen auf der Hand: Vom Schreiben eines Kinofilms kann keine Autorin und kein Autor leben. Die gefragten Leute schreiben für Netflix & Co. Aber Qualität kann man in diesem Fall kaufen, wobei es nicht aus­reicht, noch einmal das Kontingent für die Drehbuchförderung der FFA zu erhöhen, wenn die Länderförderer sich weiterhin weigern, den Anteil für Drehbuchförderung aus dem Förderetat wesentlich anzuheben. Der Weg eines guten Stoffs auf die Leinwand kostet Geld. Die deutschen Produzent-innen leben bekanntlich vom Produzieren und nicht von der Entwicklung eines Stoffs. Konkrete Lösungsvorschläge liegen seit einem Jahr auf dem Tisch. Jetzt müssen Taten folgen.

Veröffentlicht unter Allgemein
black box, ein filmpolitischer Informationsdienst, bietet seit 1982 in konzentrierter Form alle sechs Wochen das, was andere Zeitschriften nicht bieten:

  • Nachrichten und Kommentare zur deutschen Filmlandschaft
  • Gremien- und Ministerentscheidungen
  • Förderungsprämien
  • Einreichfristen
  • Festivaltermine
  • Veranstaltungs- und Literaturübersicht
  • neue deutsche Filme
Kurz: alles über Bewegung und Stillstand, Widerstand und Anpassung des deutschen Films.