Zuhören und handeln

Filmpolitischer Informationsdienst Nr. 292, Oktober 2020

Von Ellen Wietstock

Gerne hätte man in den letzten beiden Jahren einmal die Türen der Filmförderungsgebäude geöffnet und gerufen: Hallo, jemand da? Von einem Teil der Branche wurden präzise ausgearbeitete Exper­tisen wie die Frankfurter Positionen – eine Arbeit, die man sich von den Verantwortlichen und Entscheidern in den Förderinstitutionen gewünscht hätte. Keine Reaktion, nirgends. Doch dürfte all denen, die an der Erhaltung des Filmfördersystems in seiner jetzigen Form festhalten, ein gehöriger Schreck in die Glieder gefahren sein – den Funktionären und Chefinnen der Bund- und Länder­förderungen sowie den Fernsehsendern auf der einen und vor allem die großen Produktions- und Verleihfirmen sowie einige unabhängige Firmen auf der anderen Seite, die sich glücklich schätzen können, aus den Fördertöpfen regelmäßig bedient zu werden. Vor allem die Leute, an die dieser Appell gerichtet war, stellten sich taub und hofften insgeheim, das Frankfurter Positionspapier würde sich versenden. Tat es aber nicht, stattdessen fanden sich in den Stellungnahmen zahlreicher Film­verbände zur FFG-Novellierung eben diese Vorschläge wieder: mehr Produktionsförderung für künstlerische Filme, Transparenz von Förderentscheidungen, Ende des Fördertourismus, Gender­gerechtigkeit, neue Modelle zur Zusammenarbeit mit Fernsehsendern, Aufhebung der Eingangs­schwellen bei der Referenzfilmförderung, bundesweiter Nachwuchstopf.

Woher kommt diese Ignoranz, diese radikale Abwesenheit von Dialogbereitschaft und selbst­kritischer Betrachtung der eigenen Arbeit, diese Angst, etwas Neues auszuprobieren, um dann Vor- und Nachteile des Experiments zu benennen und das Neue möglicherweise wieder in Frage zu stellen, damit am Ende interessante, aufregende und zeitgemäße Filme entstehen können? Man würde doch gern die Argumente hören, zum Beispiel gegen die Halbierung der Fördergelder für das Produzenten- und das Autorenkino, gegen mehr Transparenz bei Förderentscheidungen usw.

Kürzlich haben sechs Filmverbände und Initiativen nachgelegt und einen Fragenkatalog entworfen (siehe Seite 2), der mitten ins Dickicht von Verteilungskämpfen und Machterhaltung trifft. Adressat ist die Staatsministerin für Kultur und Medien, die allerdings, selbst wenn sie wollte, aufgrund der Föderalismusstruktur keine bundesweite Reform der Filmförderung durchführen, wohl aber die politischen Weichen für ein filmpolitisches Umdenken stellen könnte. Denn dafür müssten alle Förderer an einem Strang ziehen, ein gemeinsames inhaltliches Ziel haben, nämlich – siehe oben – neben dem Unterhaltungskino auch ein gleichwertig ausgestattetes künstlerisches Kino entstehen zu lassen. Solange sich die Menschen an der Spitze der Förderinstitutionen der Länder als Konkur­renten sehen und vor allem damit beschäftigt sind, sich selbst und ihren Standort zu promoten, ist keine Änderung in Sicht.

Mittlerweile geht es um Sein oder Nichtsein: Mitte Oktober erschien ein Offener Brief, verfasst von 30 unabhängigen deutschen Filmverleihern. Sie fordern angesichts der existenziellen Bedrohung durch die Pandemie „dringend Gespräche zur Rettung der Kino- und Verleihbranche, mit dem Ziel, neue und angemessene Modelle zu entwickeln, die es der Filmwirtschaft ermöglicht, diese noch lange nicht ausgestandene Krise zu überleben. Eines dieser Modelle kann konkret die Einführung einer der französischen Referenzförderung entsprechenden Förderung sein, welche das CNC inner­halb weniger Wochen umgesetzt hat und das Anreize für Verleiher schaffte, Filme mit großem Zuschauerpotential auch unter den derzeitigen prekären Bedingungen zu starten. Der Erfolg dieser Notfall-Referenzförderung ließ sich eindrücklich beim Vergleich der aktuellen französischen und deutschen Kino-Besucherzahlen ablesen.“

Woanders geht es doch auch. Was muss denn noch passieren, damit endlich der unabhängige Teil der Filmbranche Gehör findet und die Politik handelt?

Veröffentlicht unter Allgemein
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