Die Filmförderung umgestalten – Das wollen wir – und zwar sofort!

Aus: black box 273, Mai/Juni 2018


Das wollen wir – und zwar sofort!

Anfang April 2018 trafen sich in Frankfurt/M im Rahmen des Lichter Filmfest alte und junge Akteure aus der deutschen Filmbranche, um über die Zukunft des deutschen Kinos nachzudenken. An den Arbeitsgruppen und/oder Panels haben teilgenommen: Martin Hagemann, Jutta Brückner, Lars Henrik Gass, Linda Söffker, Helmut Herbst, Julia von Heinz, Jakob Lass, Annette Ernst, Dietrich Brüggemann, Svenja Böttger, Alfred Holighaus, Claudia Dillmann, Robert Bramkamp, Anna de Paoli, R.P. Kahl, Linus de Paoli, Thorsten Schaumann, Claudia Tronnier und viele andere.
Sie alle treten für eine Erneuerung des bestehenden Filmförderungssystems ein:
„Wir sind uns einig: über künstlerische Filme kann nicht mehr in intransparenten Gremien mit einer verschwommenen pseudo-kommerziellen Spruchpraxis entschieden werden und genauso wenig nach den Anforderungen eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das einerseits einem selbst auferlegten Quotendruck folgt und andererseits oft immer noch im sozialpädagogischen Ansatz der 70er Jahre verharrt. In den letzten 20 Jahren – Ausnahmen ausgenommen – ist ein deutsches Kino entstanden, das von Anpassung, Angst und falschen kommerziellen Vorstellungen geprägt ist. Diesen deutschen Gremienfilm gilt es abzuschaffen, wenn das Kino der Zukunft sein Publikum mit interessanten, spannenden, abgründigen und künstlerisch besonderen deutschen Filmen finden möchte.“ Hier die Ergebnisse und Vorschläge:

50% der Fördermittel für künstlerisch orientierte Filme

Die Mittel für die Produktionsförderung werden in zwei Gruppen aufgeteilt.
In einer Gruppe werden 50% der Mittel über ein klar an kommerziellen Zielen ausgerichtetes, stark automatisiertes Auswahlverfahren vergeben. In der zweiten Gruppe werden 50% der Mittel über ein anderes Verfahren vergeben, das primär künstlerisch orientierten Filmen gerecht wird.

Statt Gremien: Einsetzen von KuratorInnen im Rotationsprinzip
Vorschlag: in jeder Förderung, auf Bundes- wie auf Landesebene, werden für die kulturellen Filme eine Kuratorin und einen Kurator eingesetzt, deren Stellen nach jeweils drei Jahren neu besetzt werden. Die Kuratorinnen und Kuratoren sollten bei der jeweiligen Förderung von einer Findungskommission eingesetzt werden, die mindestens zur Hälfte aus Kreativen besteht. Die bisherigen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer der Förderungen bleiben für den organisatorischen Ablauf der Förderungen zuständig. Es sollte auch gewährleistet sein, dass die jeweiligen FörderreferentInnen für eine optimale
Vorbereitung der Entscheidung der KuratorInnen beschäftigt bleiben.

Stoffentwicklung: Anonymisierte Anträge – Losverfahren
Um eine größtmögliche Chance für ungewöhnliche, innovative Projekte auch von bisher nicht etablierten Filmschaffenden zu gewährleisten, sollte über die anfängliche Stoffentwicklungsförderung auf der Grundlage anonymisierter Anträge entschieden werden. Darüber hinaus sollen 20% der für die künstlerisch orientierten Projekte zur Verfügung stehenden Produktionsmittel unter den von den KuratorInnen nicht berücksichtigten Projekten verlost werden.

Sofortmaßnahmen – Erstförderung mindestens 30% des Budgets

Die jeweilige Erstförderung eines Projekts verpflichtet sich zu einer Förderung mit 30% des gesamten Projektbudgets. Damit könnten der Fördertourismus und die Finanzierungszeiträume entschieden verringert werden.

Erhöhung der Entwicklungs- und Verleihförderung
Die Entwicklungsförderung in Deutschland beträgt seit Jahrzehnten unverändert ca. 4% des gesamten Förderetats. Der Anteil der Verleihförderung am Gesamtförderbudget ist gesunken. Sowohl die Entwicklungs- als auch die Verleihförderung werden ab sofort massiv erhöht.

Abschaffung der Regionaleffekte
Die Regionaleffekte werden abgeschafft oder die Regionalförderungen einigen sich auf eine„Effekt-Tauschbörse“.

Sozialverträgliche Gagen
Der kalkulatorische Realismus wird anerkannt, vor allem in Bezug auf sozialverträgliche Gagen.
Die beantragten Summen dürfen nur dann reduziert werden, wenn es „Kalkulationsfehler“ gibt.

Offenlegung der Förderkriterien
Alle Gremienförderungen werden aufgefordert, ab sofort ihre Kriterien und die eigene Spruchpraxis offenzulegen. Es muss gewährleistet sein, dass die Gründe für die Ablehnungen der Anträge detailliert mitgeteilt werden. Das bisherige Spekulieren darüber ist unserer Meinung nach der Hauptgrund, dass sich schon in der Stoff- und Projektentwicklung vorauseilend der allgemeinen „Middle-of-the-road“-Entscheidungspraxis gebeugt wird.

Beendigung der Kino-Koproduktion
Das Kino-Koproduktionsmodell wird durch ein neues Beteiligungsmodell der öffentlich-rechtlichen Sender ersetzt. Die Gelder der öffentlich-rechtlichen Sender, die bisher über Kino-Koproduktion und über Einzahlungen der Sender in deutsche Förderungen (FFA, Regionalförderungen) geflossen sind, sollten künftig mit Hilfe eines staatlichen Fonds dem Kino zu Nutze kommen. Vorteil: Die Filmprojekte müssen nicht mehr durch zahlreiche Gremien und Fernseh¬redaktionen laufen.

Stattdessen: Bildung eines staatlichen Fonds als Rechte-Agentur
Vorgeschlagen wird die Bildung eines staatlichen Fonds, der die Free-TV-Rechte deutscher Filme verwaltet und vertreibt. Der Lizenzanteil für deutsche Free-TV-Rechte liegt in der Regel bei 25-30%, wenn man die nicht nachvollziehbare Teilung der bisherigen Zahlungen in 50% Lizenz- und 50% Koproduktionsanteil vernachlässigt, die in den 1990er
Jahren eingeführt wurde. Ein Fonds, dessen Finanzierung in den Anfangsjahren durch die Länder und den Bund gewährleistet sein müsste, erwirbt automatisch die deutschen Free-TV-Rechte in Höhe von 30% des Budgets, wenn bereits 70% des Filmprojektes finanziert sind. Diese Gelder stellen den Nachweis des Eigenanteils der Produktion in der Finanzierung dar. Sollte es in Deutschland in der Zukunft wieder zu steuerbasierten Anreizmodellen für die Filmbranche kommen, wäre eine staatliche Garantie für die deutschen Free-TV-Rechte nicht mehr nötig, da sich Filmfonds und einzelne Personen an dem Pool für deutsche Free-TV-Rechte beteiligen könnten.


Verpflichtung zu Ankauf und Ausstrahlung

Im Rundfunkstaatsvertrag gilt es zu regeln, dass die öffentlich-rechtlichen Sender einen bestimmten prozentualen Anteil ihres öffentlich erhaltenen Budgets (Haushaltsabgabe) für den Ankauf von Lizenzen aus diesem Pool nutzen und die dazu gehörigen Sendeplätze bereitstellen. Die Filme würden die Sender selber auswählen, hierdurch bliebe die verfassungsrechtlich gewährte Programmhoheit gewahrt.

Handelsfreiheit für den Fonds

Der Rechte-Pool würde diese Rechte nicht nur an die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender verkaufen können. Sollte der Preis eines Lizenzverkaufes die Summe überschreiten, die bei der Finanzierung des Films vorab ausgezahlt wurde, kommt es zu einer Beteiligung der Produktion an diesen Mehrerlösen. So entstünde ein Nachfragemarkt, der sich deutlich vom bisherigen Angebotsmodell deutscher Prägung unterscheidet.

Weitere Forderungen: Nachwuchs – Neue Formate für den Abschlussfilm
Ein virulentes Problem der Filmhochschulen ist die Fixierung der Studierenden auf einen neunzig-minütigen Abschlussfilm in Zusammenarbeit mit einem TV-Sender als Visitenkarte für das Entree in die Branche. Künftig sollte der Abschlussfilm nicht an ein Format gebunden sein. Damit besteht auch die Möglichkeit, Filme unabhängig von den Sendern entstehen zu lassen.

Rolle der Sender für die Nachwuchsförderung
Dennoch werden die öffentlich-rechtlichen Sender im gegenwärtigen System nicht aus der Pflicht entlassen, sich eindeutig und kontinuierlich um die Förderung des filmischen Nachwuchses zu kümmern. Diese Verpflichtung sollte Gegenstand des Rundfunkstaatsvertrages werden.

QuereinsteigerInnen unterstützen
Die durch die Digitalisierung ausgelöste Demokratisierung hat den autodidaktischen Weg für eine größere Zahl von FilmemacherInnen gangbar gemacht, weil sich die nicht substituierbaren Kosten weiter reduziert haben.

Bundesweiter Nachwuchstopf
Der Vielfalt der Einstiegswege entspricht die Vielfalt von Finanzierungsoptionen für Nachwuchsprojekte. Ein Pluralismus aus Förderinstitutionen, Mäzenen und anderen Finanzierungsquellen gibt auch besonderen Ansätzen eine Chance, einen Finanzierungspartner zu finden, der sich genau hierfür begeistern lässt. Daher erscheint hier nicht Konzentration, sondern eher noch eine Verbreiterung der Möglichkeiten angesagt: Und zwar ganz konkret dadurch, im Zuge einer Neustrukturierung der Förderinstitutionen einen bundesweiten Nachwuchstopf für Projekte mit knappen Budgets einzurichten, der als Alleinfinanzierungsquelle dienen kann (aber nicht muss). Bei diesem Topf sollten die Projekte von AutodidaktInnen und QuereinsteigerInnen die gleiche faire Chance bekommen wie die von AbsolventInnen der unterschiedlichen Wege der akademischen Filmausbildung und auch Formate jenseits des abendfüllenden Spielfilms Berücksichtigung finden. Dieser Topf kann mit der Möglichkeit der Alleinfinanzierung auch der Entkopplung von Sendern und Filmförderung dienen. In einer Projektentwicklungsphase sollen zunächst deutlich mehr Projekte unterstützt werden (Breitenförderung), als schließlich Produktionsförderung erhalten werden. Grundsätzlich halten wir es aber für unbedingt erforderlich, gerade in dieser Phase erstens einen Akzent auf die Entwicklung von Filmprojekten zu legen (deren Scheitern ausdrücklich eine künstlerische und inhaltliche Option sein darf) und zweitens die EmpfängerInnen der Förderung aus diesem speziellen Topf nicht alleine zu lassen (MentorInnenprogramm).

Die Förderkriterien selbst müssen noch entwickelt werden, sollten aber im Geist des Förderprogramms ein hohes Maß an Automatismus besitzen. Dabei setzen wir eine Geschlechterquote als selbstverständlich voraus. Auch Losverfahren und persönliche Vorstellungen der Projekte könnten den klassischen Förderantrag bei einem Nachwuchstopf sinnvoll ergänzen. Für den Erfolg dieser Förderung gelten eindeutig Kriterien auch jenseits der klassischen Kinoauswertung, weil diese Förderung nicht an eine Kinoauswertung gebunden sein soll. Es gelten individuelle Erfolgskriterien wie Festivalteilnahmen, Preise, Klickzahlen im Online-Bereich oder Vorführungen in Museen.

Veröffentlicht unter Allgemein
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